Homöopathie und die Frage, was Patienten wirklich hilft

Homöopathie neu gedacht

Homöopathie und die Frage, was Patienten wirklich hilft

von Conny Dollbaum-Paulsen

Kaum ein Thema wird, auch unter Ärzten, kontroverser diskutiert als die Homöopathie. Natalie Grams ist Ärztin und war mehrere Jahre lang als Klassische Homöopathine tätig - und wollte wissen, warum es ihren Patienten signifikant häufig besser ging, nachdem sie ein homöopathisches Mittel genommen hatten.

Mehr noch: Nataie Grams wollte beweisen, dass Klassische Homöopathie, vor allem die von ihr bevorzugte Homöopathie nach Sankaran, wissenschaftlich halt- und nachweisbar wirkt. Sie ist den Beweis schuldig geblieben, denn ihrer Meinung nach lässt sich die Wirkung der Homöopathie nicht als Arzneiwirkung im medizinischen Sinne bewerten – sondern allenfalls als Placebo im besten Sinne.

 

Das Besondere an Homöopathie neu gedacht

Die Autorin versteht es meisterlich, Geschichte, Vorgehensweise und Hintergrund der Klassischen Homöopathie so aufzubereiten, dass Laien wie Experten davon profitieren können. Es gibt wenige Bücher, in denen die Grundlagen der Homöopathie so präzise beschrieben werden.

Dass Natalie Grams sich als Ärztin auch der Naturwissenschaft und damit wissenschaftlich präzisem und nachvollziehbaren Denken verpflichtet fühlt, gibt dem Ganzen die notwendige Sorgfalt im Denken.

Die Autorin nimmt die Homöopathie in ihren Einzelteilen auf den naturwissenschaftlichen Prüfstand, durchleuchtet den Begriff der Lebenskraft, das Vorgehen der Arzneimittelprüfungen ebenso wie die Regeln der homöopathischen Anamnese sowie die Erstellung der Arzneimittelbilder.
Und kommt zu dem Schluss: Klassische Homöopathie, wie sie von den meisten HomöopathInnen angewandt und gelehrt wird, kann nicht als Bestandteil der Medizin gelten, weil sie auf Annahmen beruht, die einer naturwissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten.
Aber: Die Medizin sollte ihrer Meinung nach einen neugierigen Blick darauf werfen, warum so viele Patienten von der Wirkung der Homöopathie überzeugt sind – und diese Erkenntnisse unbedingt in die Medizin integrieren.

Natalie Grams hat als Ärztin und Homöopathin lange um eine Verbindung ihrer beiden Professionen gerungen und das ist dem Buch anzumerken: ihre „homöopathische Entzauberung“ folgt wissenschaftlichen Regeln, ihre Argumentation ist in sich durchweg schlüssig und die Leserin bekommt einen differenzierten Einblick in homöopathische Welten und warum diese mit der Welt der Naturwissenschaft beim besten Willen nicht zu vereinbaren sind. Sehr angenehm ist dabei, dass sie fast nie pauschalisiert (nur an manchen Stellen, an denen sie Homöopathen überflüssigerweise Fahrlässigkeit vorwirft)…

 

Ganz wichtig und ein besonderer Pluspunkt von Homöopathie neu gedacht

Natalie Grams arbeitet sehr deutlich heraus, was die Homöopathie der Medizin voraus hat: empathischer Patientenkontakt, ausreichend Zeit für Gespräch und Untersuchung, Individualisierung des Geschehens und bewusste Auseinandersetzung mit der Situation, die salutogenetisch betrachtet als heilsam zu betrachten ist. Die Autorin ist von der Wirkung einzelner homöopathischer Aspekte überzeugt - nicht aber von den Begründungen und Grundlagen aus den Zeiten Hahnemanns. HomöopathInnen wie MedizinerInnen mögen an dieser Stelle nachdenken, ob sie folgen können und wollen - zum Wohle der Patienten.

 

Kritische Gedanken zu Homöopathie neu gedacht

Aus Sicht der Rezensentin, die selbst 11 Jahre als Klassische Homöopathin gearbeitet hat, begeht Natalie Grams zwei grundsätzliche Fehler:

  1. Die Annahme, Medizin sei eine Naturwissenschaft, ist zumindest mit Vorsicht zu genießen.
    Viele Bereiche ragen in die Philosophie, Psychologie und Sozialwissenschaften hinein und dort gelten andere Gesetzmäßigkeiten. Menschen sind keine Maschinen und jede Forschung, die mentale, emotionale und spirituelle Aspekte als unwissenschaftlich abtut, hat den Namen nicht verdient.
  2. Die Gleichsetzung des materialistisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes mit Wahrheit.
    Natalie Grams lässt hier keine Lücke zu und zweifelt nicht an der Gültigkeit von Wissenschaft, wie sie betrieben wird.
    Hier geht es dann leider nicht weiter – die beiden Welten stehen einander scheinbar unversöhnlich gegenüber: Homöopathie als veraltetes Gedankengut, das durch wissenschaftliche Beweise in weiten Teilen als überholt und damit falsch entlarvt werden muss.

 

Warum Homöopathie neu gedacht empfehlenswert ist:

Natalie Grams hat ein wichtiges Buch geschrieben, das für Laien geeignet ist, die Grundlage der Homöopathie zu verstehen und auch zu verstehen, wie weit Homöopathie (und viele andere Verfahren der Alternativheilkunde) und Schulmedizin bezogen auf manche aspekte auseinander liegen.

Die kritische Auseinandersetzung mit undifferenzierten Heilsbehauptungen ist ebenso wichtig wie die differenzierte Verortung der unterschiedlichen Weltbildern, die unserem Denken, Handeln und Erleben zugrunde liegen.
Dabei ist es vielleicht sinnvoll, folgendes nicht zu vergessen: Auch das aktuell gültige wissenschaftliche Weltbild ist nur ein Modell – das so lange gilt, bis das nächste Modell an dessen Stelle tritt.

 

Homöopathie neu gedacht ist empfehlenswert für:

ÄrztInnen, HomöopathInnen und wissenschaftlich interessierte Laien, die bereit sind, sich kritischen Fragen zu stellen. Und die sich gern anregen lassen von klugen Autorinnen wie Natalie Grams – einer Meinung zu sein ist dabei nicht das Ziel.

Die Heilnetz-Redaktion ist jedenfalls überzeugt, dass Bücher wie diese zu differnezierter und hilfreicher Diskussion beitragen - deren Ergebnisse alle Beteiligten ein bisschen klüger machen können.

Natalie Grams,
Homöopathie neu gedacht
Was Patienten wirklich hilft
Springer Spektrum
€ 14,99

Zu beziehen über buch7, den Buchlandel mit der sozialen Seite

Wer sich mit einem kritsichen Blick auf den aktuellen Wissenschaftsbegriff beschäftigen möchte:
Hier finden Sie die Rezension von Rupert Sheldrakes Wissenschaftswahn

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